Freitag, 31. Dezember 2010

Auch in diesem Jahr wird der allerletzte Tag genutzt, allen Freunden und Unterstützern von Hargo Talu einen guten Start in das Neue Jahr zu wünschen, auf daß es sich glücklich gestalten und genießen läßt!

Und damit ist es für mich an der Zeit, das letzte Jahr Revue passieren zu lassen, noch einmal einzutauchen in die vielen Erlebnisse und Arbeiten auf dem kleinen Hof, Ausblicke und Träume zu überprüfen... und natürlich zu planen.

Der „letzte“ Winter

Spät wurde es kalt, aber dann richtig. Schneeberge von fast 2 Metern Höhe türmten sich auf und die Pferde fraßen bei wochenlangen Temperaturen unter minus 15 Grad (bis knapp minus 30 Grad) unglaubliche Mengen. Der Heulieferant hatte Probleme, seinen LKW zu den fast täglichen Transporten zu überreden, mein Traktor kündigte mitunter seinen Dienst bei dieser Kälte – und mitunter wurden auch mir die Schneestürme zu viel. Gut, daß das Haus im Sommer isoliert worden war, allerdings zeigten sich so manche Schwachstellen, die nur mit vielem Heizen ausgeglichen werden konnten – mitten im Winter tuckerten die Windmühlen-Helfer und ich in den Wald, um alte Fichten herauszuschleppen, ich hatte tatsächlich nicht genug Brennholz. Trotzdem: als der Schnee fast über Nacht verschwand, war ich doch wehmütig: so einen Bilderbuchwinter hatte ich lange nicht mehr erlebt. Und der diesjährige Winter scheint die Fußstapfen des letzten im Schnee gefunden zu haben – es schneit und schneit und schneit...


Frühling läßt sein blaues Band...

Der Frühling brachte aber sofort neue Herausforderungen und eine der notwendigsten Arbeiten stand an: der langsam alt werdende Elektrozaun mußte ausgetauscht werden. Ich hatte mir das recht einfach vorgestellt, schon in den ersten Tagen wurde aber klar, daß praktisch die gesamten 20 Hektar neu eingezäunt werden mußten: neue Litzen und Seile wurden gezogen, fast ¾ der Pfosten mußte ausgetauscht werden, praktisch alle Pfosten wurden neu (und schnurgerade) gesetzt. Eine Arbeit, die fast 2 Monate in Anspruch nehmen sollte – und von den aufblühenden Orchideen belohnt wurde: die rosa Türmchen erinnerten an San Gimignano...

Endlich wurde auch der Speicher wieder von oben bis unten aus- und aufgeräumt. In einem inzwischen leerstehenden Nebengebäude bekam ich endlich eine wunderbare Sattelkammer. Gut sortiert, den Platz bestens genutzt, sind Halfter, Elektrozaun-Isolatoren und natürlich Sattelzeug jederzeit griffbereit.


Leigar – ein Stempelhengst geht...


Der braune Hengst mit der breiten Blesse war kein Pferd, das sofort ins Auge stach. Zudem verschwand er gerne, wenn Bewunderer kamen und machte sich auch sonst nichts aus Streicheleinheiten oder Kontakt. Er lebte 10 Jahre auf Hargo Talu, tatsächlich vom ersten Tag an mit „seiner“ Stute Helbe zusammen und genoß den Altersruhesitz in vollen Zügen.

Leigar bekam Probleme mit den Zähnen, schon vor einigen Jahren waren zwei riesige Backenzähne gezogen worden. Nun wurde es immer schlimmer. Schließlich half nicht einmal das Aufbau-Futter aus Deutschland, das frische Grün, Leigar magerte ab. Schweren Herzens mußte ich ihn erlösen lassen – nicht ohne mich für die letzten 10 langen Jahre und seine wunderschönen Fohlen bedankt zu haben. Er war 26 Jahre alt geworden – ein langes Leben!

Leigar hinterließ ein reiches Erbe, die beiden imposanten Deckhengste Lancelot und Luzifer, auch die bildschönen Stuten Lara und Luisa sind wohl seine auffälligsten Nachkommen – alle haben eines gemeinsam: einen legendär guten, freundlichen Charakter. Hätte man dem mürrischen alten Herrn gar nicht so zugetraut.


Fohlenfreuden – Fohlensorgen

In genau diesen Tagen häuften sich die schlechten Nachrichten. Bei der einen Züchterin war ein Fohlen tot zur Welt gekommen, bei einer anderen war nicht einmal die Mutterstute zu retten. Ich hörte aus allen Ecken Estlands Hiobsbotschaften und war alarmiert. Mit fast zitternden Knien schlich ich zu den Fohlenwachen, war froh um die Austausch-Schülerin Klara Hengst, die mir so manchen Kontrollgang abnahm und sich natürlich unbändig optimistisch auf das Fohlen freute, an das ich kaum noch glauben konnte.

Welche Vorwürfe kann man sich machen, wenn man eine so alte Stute deckt... auch der Tierarzt konnte mir die Zweifel nicht ausreden. Die 23jährige Hanni ist ohnehin ein mütterliches Pferd, sie schien nun mich nahezu beruhigen zu wollen, stupste mich an, lehnte ihren Kopf an mich. Und eines Abends, als ich eine Stunde zu spät zur Fütterung erschien, blieb Hannis Gruppe aus. Rufen half nichts und sofort flogen die Eimer zu Boden, ich rannte zur Herde. Ich kam fast nicht an, mir versagten die Beine den Dienst.

Und da lag es, hob den Kopf und blinzelte mich an – ich lag daneben. Hanni schnupperte an mir, leckte ihr Fohlen trocken und schien sagen zu wollen „ich mache das schon“. Das Fohlen stand recht schnell auf und hier erlebte ich einen dieser magischen Momente: nach dem Euter suchend, am Schweif saugend, stakste das winzige braune Stütchen herum, schien umzufallen, fing sich wieder – und Hanni, die erfahrene, ruhige Hanni bewegte sich geradezu millimeterweise, um dem Fohlen den Weg zum Euter zu erleichtern. Erst hatte ich noch versucht, die Herde abzuwehren, vor allem Hannis schon erwachsene Tochter Luisa schien eifersüchtig zu werden. Aber auch hier belehrte mich Hanni eines besseren: wie der Fels in der Brandung stand sie da, kümmerte sich um das trinkende Fohlen, nichts und niemand brachte sie aus der Ruhe. Es war wundervoll...

Schließlich traf der Tierarzt ein, um die Nachgeburt zu entfernen – und er gestand, nur noch bei mir Fohlen zu sehen. Von der kleinen Braunen mit dem Stern war er hingerissen. Er wagte kaum, sie anzufassen, aber immer wieder bat er mich, die Lampe auf den Zwerg zu richten. Und ich konnte das gut verstehen: das erste Hesperos-Fohlen auf Hargo Talu – die kleine Hesperide ist ein bildschönes Fohlen.

Der Sommer

Eines Tages kamen Emails an – eine Studentin wollte eigentlich gerne auf dem Land leben, Pferde mag sie auch und ob es nicht möglich wäre, wenn sie mich besuchen und vielleicht helfen würde... daraus wurde in wenigen Wochen eine Freundschaft. Die ruhige, immer gut gelaunte Marge kämmte die Ziegen, half beim Fällen einer Fichte hinter dem Haus, betätigte innerhalb kurzer Zeit das Notstromaggregat genauso routiniert wie den Holzspalter und half auch beim Decken, das dank der Sommerhitze nachts stattfinden mußte. Trotz dieser Hitze schafften es die Störche tatsächlich, vier junge Störchlinge großzuziehen, ein kleines Wunder! Schließlich wurde ein neues Rezept legendär für diesen Sommer: der sogenannte "Ute-Salat" aus Nudeln, Tomaten, Mozzarella und ... wird nicht verraten!

Marge verliebte sich natürlich sofort in die kleine Hesperide, die jeden Tag hübscher wurde. Und selbständiger: als Mutter Hanni zum Decken abmarschierte, blieb Hesperide bei den „Tanten“. Kein sehnsüchtiges Wiehern, nichts. Und Hanni, die inzwischen 23jährige alte Dame ist wieder tragend. Selbstverständlich war Hanni vorher gründlich untersucht worden – und nichts sprach gegen eine erneute Bedeckung. Die bildschöne Rappstute Lara erwartet nun auch ihr erstes Fohlen, da der Vater Hesperos ebenfalls kohlschwarz ist, könnte es ein kleiner Rappe werden.

Allerdings: im Grunde spielt das alles keine Rolle: gesund, munter und aufgeweckt – das ist doch am wichtigsten... Und auch einen Gast hatten wir: Lupine, hier geboren, kam „nach Hause“ um ebenfalls von Hesperos gedeckt zu werden. Ich war glücklich, „mein“ Mädel einige Tage beherbergen zu dürfen und natürlich auch über das Vertrauen ihrer Besitzerin Marge Tofert.

Der Hof

Drei Wandergesellen hielten für 2 Tage Einzug auf dem Hof und ihre praktischen Tips und Hinweise halfen mir sehr gut weiter. Allerdings wurde auch Hand angelegt: die im Frühjahr eingesetzte Jugendstiltüre, die ich schon vor mehr als einem Jahr gerettet hatte, wurde noch einmal ausgebaut und fachmännisch eingesetzt, eine Pforte auf dem Heuboden geschreinert – alles rundete schließlich ein wunderschöner Grillabend vor dem Haus ab. Und die Idee, günstig meine alten Fenster zu isolieren, wurde von meinem Vater schon wenige Wochen später umgesetzt: mit Erfolg. An dieser Stelle vielen, vielen Dank!

Mitten in der in diesem Jahr fast unerträglichen Sommerhitze kam es allerdings zu einigen Katastrophen. Einige Stürme fegten über Hargo Talu und kurz entschlossen wurden die beiden kapitalen, aber austrocknenden Fichten hinter dem Speicher gefällt – genau rechtzeitig. Mein Vater war angekommen und konnte gleich loslegen: ein kleiner Wirbelsturm fegte über den Hof, im Haus wurde es für einige Zeit stockdunkel, der Regen prasselte waagerecht vor den Fenstern vorbei. Als wir danach den Hof kontrollierten, fanden wir fast 20 Quadratmeter Unterstand-Dach abgedeckt. Zum Glück waren alle Pferde auf den Koppeln, konnten also nicht verletzt werden. Die beiden Windmüller und mein Vater hämmerten und klopften schon am nächsten Tag so gekonnt die Blechdach-Bahnen zurecht, daß der Schaden sich unerwarteter Weise in Grenzen hielt und schon nach wenigen Tagen behoben war.

Auch am Wohnhaus hämmerte und klopfte mein Vater, die Fenster erhielten blaue Umrahmungen, an den Giebelseiten wurde sogar ein Gerüst aufgestellt, um einige alte Bretter austauschen zu können. Und schon zog der Herbst ein. Dringend mußte der Boden in Hannis Unterstand ausgetauscht werden – eine Arbeit, die die Windmüller und ich in einem Marathon von 12 Stunden vollbrachten. Ich hatte tagelang Muskelkater, und das obwohl ich mit der Hofarbeit doch eigentlich recht fit sein müßte. Aber nun ja: Pferdefütterung und Misten finden eher nicht in der Hocke oder knieend statt... Kaum wieder auf den Beinen verkleideten wir die letzten drei Unterstände, strichen auch gleich und zwar fast in letzter Sekunde: der sehr früh eintreffende Winterschnee ließ uns alles weitere auf nächstes Jahr verschieben... wobei: eigentlich war gar nicht mehr zu schaffen!

Hier möchte ich den beiden Helfern von der Windmühle auch ein kleines Denkmal setzen: ohne deren fachmännische, tatkräftige Hilfe hätte ich weit weniger schaffen können. Ob monatelanger Zaunbau, ob zu fällende Bäume, ob schiefes Scheunentor, gerissener Traktor-Seilzug oder Heuverteilung – mit ihrer Hilfe war alles zu schaffen. Ich glaube noch nie war der Hof in so gutem Zustand und die Liste der anstehenden Arbeiten wurde so schnell kürzer, daß wir wirklich zum Herbst hin alles geschafft hatten, was wir uns vorgenommen hatten. Hier ein ganz dickes Dankeschön an Olju und Meelis!

Das Alt-Tori Pferd – ein großes Projekt

Das Jahr stand nicht nur unter dem Zeichen von praktischer Arbeit und Pferdezucht, sondern war auch gezeichnet von vielen Stunden am Computer, Fahrten in die mehr als 200 km entfernte Hauptstadt und Terminen. Erhaltungsprogramme wurden ausgearbeitet, vom Ministerium zurückgewiesen, Statistiken erarbeitet, die beweisen, daß derzeit Subventionsmißbrauch betrieben und die Population der Alt-Tori Pferde unnötig gefährdet wird, Fahrten zum estnischen Parlament, Termine mit dem Landwirtschaftsministerium und den untergeordneten Behörden reihten sich aneinander. Noch gibt es kein eigenes Zuchtbuch – aber trotzdem wurde vieles erreicht.

Das Alt-Tori Pferd ist inzwischen dank des im Dezember auf Hargo Talu stattfindenden Weihnachtsmarktes und erfolgreicher Öffentlichkeitsarbeit in Estland bekannt geworden. Wir haben mehr als 50 Alt-Tori Pferde registriert, allein im nächsten Jahr werden 4 Fohlen erwartet. Viele unserer inzwischen 100 Mitglieder sind aktiv, begeisterungsfähig und voller Ideen – so haben wir für nächstes Jahr wieder einiges vor: wir geben keine Ruhe, bis wir unser eigenes Zuchtbuch haben. Und endlich die in Estland praktizierte Verdrängungszucht und den Subventionsmißbrauch auf Kosten der Alt-Tori Pferde zu stoppen. Diese Rasse ist zu einzigartig, zu wunderbar, um aussterben zu dürfen!


... und das Neue Jahr?

„Ein Haus wird nie fertig“ – und ein Hof schon gar nicht. Egal, wie viel erreicht wurde in diesem Jahr, es bleibt immer noch etwas übrig und so wartet noch ein Unterstands-Boden auf Erneuerung, die alte Scheune muß stabilisiert werden. Manche der jungen Pferde sind alt genug, auf „eigenen Füßen“ zu stehen und ich hoffe, mit diesen selten gewordenen Alt-Tori Pferden einen neuen Eigentümer erfreuen zu können. Und wichtig, ebenso wichtig wie im vergangenen Jahr wird die Arbeit zum Erhalt der Alt-Tori Pferde sein.

Vielen Dank an dieser Stelle an alle Helfer und Unterstützer von Hargo Talu:
- Achim und Rosi Büttner aus Brandenburg für ihre Fürsorge und Liebe zum Hof
- meinem Vater für die vielen Renovierungen und die Futterorganisation in Deutschland
- den Windmüllern für Rat und Tat auch in kritischen Situationen
- Julie Franke für die Patenschaft, die nun Hesperos genießen darf
- Alexandra und Hanna Simchen für Hannis Patenschaft
- Ingrid Pärg und Marge Muna für ihre Liebe zu Hargo Talu und die tatkräftige Hilfe
- „meinen“ Vereinsmitgliedern, die mich zwar sehr fordern, aber auch glücklich machen
- meinen Verwandten, die immer für mich da sind
- den Tierärzten Dr. Lutz und Dr. Müller aus Deutschland, die mich immer aufrichten
- Klara Hengst für das schönste Dankschreiben, das ich je erhalten habe
- allen weiteren Helfern, Freunden, Unterstützern in aller Welt...


... und natürlich Gerald Wolf, der auch in diesem Jahr alles hier zusammengehalten hat und auf den immer Verlaß ist!

Freitag, 24. Dezember 2010

Und auch in diesem Jahr wünscht Hargo Talu mit seinen Bewohnern allen Freunden, Unterstützern, Helfern, Gästen ruhige, besinnliche Weihnachten. Nur mit Ihnen, Euch - egal wo in der weiten Welt - hätte ich vieles nie schaffen können. Und dafür danke ich von Herzen. Bald ist es Zeit, über das letzte Jahr zu berichten, über die Herausforderungen und Probleme, über das Erreichte und Geschaffte... Frohes Fest!

Häid joule ja kauneid talvepäevad soovivad köik Hargo Talu elanikud oma söbradele, toetajatele, abilistele ja külalistele terves maailmas. Ilma Teieta poleks vöimalik olnud, nii palju jouda. Ja ma leian, et just täna on öige päev, et oma tänusönad öelda.

Merry Christmas and peaceful days... Hargo Talu greets all supporters, friends, helpers and guests all over the world and wants to say "thank you" for all you did for us here. Without you, without your support so much would have been impossible and it is just the right time to be grateful...

Ute Wohlrab
Gerald Wolf
Nathan, Mikesch
Schneck, Pauline, Nikolai
Helbe, Leopoldine, Luna, Hanni, Hesperide, Livia, Hestia, Luisa, Helika, Lancelot, Luzifer, Hela, Lukas, Heliade, Henriette, Lara, Hadrian, Hesperos, Heliodor, Herodes, Hannibal, Leander, Heldor, Hektor
& Sonja, Milla, Rosa