Donnerstag, 31. Dezember 2009

Allen Freunden und Unterstützern von Hargo Talu wünsche ich einen guten Rutsch und für das Neue Jahr Gesundheit, Lebensfreude und gute Ideen!

Auch in diesem Jahr hat sich wieder viel ereignet, bei so vielen Tieren kann es ja auch gar nicht langweilig werden. Und die erste Überraschung hatten die Ziegen parat - somit beginnt dieser Rückblick mit ihnen!

Die Ziegen
Die im letzten Herbst praktisch vor dem Hungertod bewahrte Ziege Milla fraß sich innerhalb erstaunlich kurzer Zeit ein kugelrundes Bäuchlein an. Ich war so glücklich über diesen schnellen Erfolg und die erwachende Lebensfreude der weißen hornlosen Ziege, daß ich natürlich auch dem Futtermittelhersteller in Würzburg darüber berichtete. Nur... eines Tages gab Milla deutlich weniger Milch. Und immer weniger. Auf einmal schwante mir der Verdacht, daß die gute Milla tragend sein könnte. Daher das kugelrunde Bäuchlein?! Aber... dort, wo ich sie gekauft hatte, war doch gar kein Bock gewesen?! Jedenfalls beantwortete Milla die Fragen eines Nachts mit zwei munteren, plüschigen Ziegenbabies, die im Schnee herumtobten - es war Januar! Max und Moritz waren wirklich herrliche Ziegenböckchen, der eine bekam sehr schnell winzige Hörnchen, der andere blieb hornlos wie die Mutter. Beide fanden ein gutes Zuhause, der kleine hornlose Moritz bei der Windmühle, wo ich ihn im Sommer noch oft auf der Weide sehen konnte und mich überzeugen: der hatte es sehr gut getroffen!

Milla, ihre Tochter Rosa und meine alte graue Ziege Sonja gewöhnten sich im Sommer dann doch noch aneinander und nun stromern die drei Ziegen zusammen auf dem Hof herum, lassen es sich gutgehen, "stehlen" hier Heu bei den Pferden, sammeln dort Äpfel aus dem Gras, finden etwas wohlschmeckendes Laub. Auch jetzt im Winter dürfen sie frei herumlaufen und es ist erstaunlich, wo sie herumkommen.


Abschied von einem Helden...
Auch in diesem Jahr gab es wieder Abschiede. Abschiede, an die man sich nie gewöhnen wird und kann, die auch Jahre später noch schmerzen und die oft doch von Wärme durchdrungen sind, von dem guten Gefühl, die gemeinsame Zeit genossen und überhaupt erlebt zu haben.

Ende April wurde Herr krank. Zum ersten Mal in seiner Zeit hier schien er an starken Schmerzen zu leiden, so schnell es ging, wurde der Tierarzt informiert und ich rief auch in der Pferdeklinik Aschheim an, die mich in solchen Fällen mit Rat und Beistand immer wieder unterstützt. Trotz allem konnten wir ihm nicht helfen - trotz Schmerzmittel ging es ihm kaum besser, die Hilflosigkeit wurde zur Qual. Er lehnte sich an mich, ließ alles über sich ergehen, vertraute mir. Und doch konnte ich ihm nicht mehr helfen. Er starb am 30. April, genau in den ersten warmen, milden Frühlingstagen, die er noch genießen konnte.

Mit Herr ging der letzte der "alten Tori-Pferde", der letzte dieser wundervollen Althengste, die ich noch kennenlernen konnte. Mit Herr ging nicht nur das schönste Pferd des Hofes, mein Lieblingspferd, sondern auch ein letzter Vertreter der alten Garde.

Herr war immer ein sehr anhänglicher Hengst gewesen. Immer hatten wir einige Minuten für uns beim Füttern, nie stürzte er sich etwa auf seinen Trog, sondern wartete immer auf meine Worte, mein Streicheln. Er war - wie sein Name schon sagte: ein Herr. Durch und durch. Wunderschön in seinem Bergauf-Galopp, unglaublich schwerelos in den angedeuteten Kapriolen und so voller Kraft, Energie und strahlender Lebensfreude - ein Pferd wie ihn werde ich nie wieder haben. Und doch bin ich froh, fast 6 Jahre mit ihm verlebt zu haben, wie arm wäre mein Leben ohne ihn gewesen.

Sein Sohn Heliodor tritt allerdings in seine Fußstapfen - in seiner Freundlichkeit, Höflichkeit und den traumhaften Bewegungen wird Herr fortleben...

Hanno, das Pippi-Langstrumpf-Pferd
War schon im letzten Herbst absehbar, daß Hanno nie wieder geritten werden könnte, so zeigten seine Ideen zur Futterbeschaffung und seine Tricks doch sehr deutlich, daß er noch lange sein Gnadenbrot haben könnte. Er hinkte, die Arthrose machte ihm an manchen Tagen zu schaffen. Trotzdem genoß er sein Leben, war zur Fütterungszeit überall gleichzeitig und klaute auch wie ein alter Profi. Wieder konnte ich ihn den ganzen Sommer frei herumstrolchen lassen und meist sah man den riesigen Wallach mit den Ziegen im Schlepptau. Obwohl ich ihm Frühling immer wieder Zweifel hatte, immer wieder an Einschläfern dachte, ging es ihm in der warmen Jahreszeit so gut, daß alle Gedanken daran verworfen wurden. Hanno kam hervorragend mit seinem kranken Bein zurecht und ließ keinen Zweifel daran, daß es ihm gut ging.

Im Spätherbst verschlimmerte sich die Lahmheit. Hanno schlich auf den Reitplatz, legte sich stundenlang hin, auch das Heunetz lockte ihn kaum noch. Zwar wieherte er leise, wenn das geliebte Kräutermüsli kam, aber ich wußte, daß ich nicht das Recht hatte, zuzusehen, wie er sich quält. Am 3. Dezember wurde Hanno eingeschläfert, er starb in meinem Arm.

Hanno war in einer Reitschule viel zu früh eingesetzt worden. In einem Alter, in dem normalerweise junge Pferde auf der Koppel ihre Kräfte proben, mußte er bereits stundenlang im Springtraining sein Futter verdienen. Die 2,5 Jahre, die er noch bei mir leben konnte, waren das Gnadenbrot, das ihm weder seine Vorbesitzerin noch die vielen Reitschüler ihm gegönnt hatten. Keiner von ihnen besuchte Hanno je - keiner richtete Grüße aus. Er war ausrangiert wie ein altes Werkzeug - und ich bin froh, ihm einen glücklichen Lebensabend geboten zu haben - aber er wurde nur 16 Jahre alt. Wie gerne hätte ich ihm noch viele Jahre auf Hargo Talu geben wollen. Und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie der nächste Sommer wird, wenn Hanno nicht morgens vor der Türe steht, um mich zu begrüßen... mein Spanier, mein guter, alter Freund...

Hilvi
In einer Kälberkolchose hatte ich sie gefunden, ein scheues, mit Menschen praktisch nicht vertrautes Pferd - und sofort gekauft. Sie hatte mit Gerstenmehl, Silage und in einem unglaublichen Gestank überlebt und es brauchte lange, bis die Koliken aufhörten, bis die Hufe hart wurden und Hilvi Vertrauen faßte. Hilvi brachte hervorragende Fohlen, denen sie vor allem ihren ausdrucksvollen Kopf und die klugen, schönen Augen vererbte.

Hilvi starb an schließlich an einer Kolik - kurz nachdem sie noch vom Tierarzt untersucht worden war und dieser Entwarnung gegeben hatte, fand ich sie tot auf der Koppel. Lange Gespräche mit der Pferdeklinik Aschheim halfen mir schließlich über den sehr plötzlichen Tod der mit 16 Jahren viel zu früh gestorbenen Stute hinweg. Wir vermuten, daß die sehr mangelhafte Aufzucht und die in den wichtigsten Lebensjahren katastrophale Fütterung eine Vorschädigung verursacht hatten - damit sind auch die immer wiederkehrenden Koliken zu erklären.

Hilvi hatte ein unbeschwertes Leben auf Hargo Talu, sie war eine wunderbare Mutterstute für ihre Fohlen, ein verschmustes Pferd, dessen Nachkommen ebenso anhänglich sind. Alle ihre Nachkommen sind ihr sehr ähnlich, sie werden mich immer an die anhängliche Hargo-Tochter erinnern - und ich bin froh, ihr 12 sorglose Jahre geschenkt zu haben, als ich sie kaufte, drohte der Transport nach Italien...


Hargo Talu - wie gut, daß das Leben einfach weitergeht...

Helbe brachte im April ein munteres, aktives, großes Stutfohlen zur Welt. Wie immer gab es Probleme mit der ersten Milch und der Nachgeburt, routiniert rief ich alle 5 Tierärzte an, denen ich in solchen Fragen vertrauen kann - routiniert steckte ich die Absagen ein, schließlich sagte Tiit Siiboja zu und verschob die Planung für den Rest des Tages. Aber... in der Zwischenzeit hatte das kastanienbraune Fohlen zwar schon einige Runden um die Mutter gedreht, aber keinerlei Interesse am Euter gezeigt. Dort tropfte die Milch - und mein milchgetränkter Finger wurde kaum beachtet. Der immer wieder sichtbare Saugreflex zeigte aber unmißverständlich, daß dieses kleine aufgedrehte Fohlen noch keine Milch erhalten hatte! Ich rannte. Alles stand im Speicher griffbereit, Schüssel, riesige Spritze ohne Nadel, Trichter, Fläschchen... ich schnappte mir alles und nahm sicherheitshalber eine Longe mit und raste zurück. Helbe stand seitlich am Unterstand und ich vermutete die Kleine schlafend im Heu. Während Helbe die Schüssel inspizierte (nichts zum Fressen) - hörte ich etwas. Und kniete mich hin. Lautes Schmatzen eine rosa Zunge am Euter und unüberhörbares Schlucken zeigten, daß dieses kleine Untier mich tatsächlich an der Nase herumgeführt hatte. Die Kleine trank und trank und trank. Daß hinter mir sowohl die Schüssel als auch das Fläschchen professionell von Helbe zerlegt wurden, bekam ich gar nicht mit. Die Tränen rannen mir über das Gesicht - die kleine Stute hatte die erste Hürde ihres Lebens genommen...

Nach einiger Zeit kam der Tierarzt, der aufgrund der Größe und Aktivität der kleinen kastanienbraunen Schönheit sofort den Witz wagte: "welches ist denn jetzt das Fohlen???" und Helbe von der Nachgeburt befreite. Schon wenige Stunden später war die ganze Familie unterwegs: Helbe mit der kleinen ständig rennenden Neugeborenen, mit etwas Sicherheitsabstand der immerhin schon 25jährige Vater Leigar und dahinter die 2jährige Luna. Wenige Tage später hatte das Stütchen einen Namen: Leopoldine - und Luna war nicht mehr sicher vor ihr, was einfach nur herrlich anzusehen war: die immerhin schon recht massive Luna hatte ihre liebe Not mit Poldinchen - kam aber immer besser in Form...

Ansonsten gab es wenige Veränderungen bei den Pferden. Zwar mußten nun, da Herr nicht mehr lebte, die beiden Stuten Henriette und Hilvi in bereits bestehende Herden integriert werden, was mit vielen Zaunreparaturen und schlaflosen Nächten bezahlt wurde, aber schließlich kehrte auch hier Ruhe ein.

Im Spätsommer bewarb sich eine Helferin auf Hargo Talu, die ein Jahr lang in Dänemark gearbeitet hatte und sich so schnell einlebte, daß ich mir fast nicht mehr vorstellen kann, wie es vorher gewesen sein könnte. Ingrid freundete sich mit allen Pferden auf Anhieb an, verliebte sich in Luzifer und brachte ziemlich viel frischen Wind in den Hof. Schneller als ich mich versah, saß sie bereits auf dem gesattelten Lancelot, der friedlich sein Heu kaute, begann, den Beritt der beiden Hengste mit mir zu besprechen. Und tatsächlich: die ersten Schritte unter dem Sattel haben beide mit Bravour abgelegt, beide sind zuverlässig, bemüht, gutmütig und die Arbeit mit ihnen macht unbeschreiblichen Spaß. Auch Livia kam in den Beritt und stellte sich von Anfang an so hervorragend an, daß ich von der hübschen Hilvi-Tochter immer begeisterter wurde. Obwohl Livia im Grunde zum Verkauf steht, überlegen wir immer wieder, ob die zuverlässige, nervenstarke, verschmuste Hilvitochter nicht vielleicht doch...


Was man nicht alles schaffen kann...


In diesem Jahr wurde bei den Pferden wenig verändert. Einige Zäune wurden gebaut, vor den Unterständen wurden große Mengen Schotter eingebracht, um die Trittfläche zu befestigen, aber es war wohl das erste Jahr, in dem bei den Pferden wenig zu schaffen war. Trotzdem: ein Haus wird nie fertig, ein ganzes Gehöft schon gar nicht und natürlich wurde der Sommer alles andere als langweilig.

Da die Wirtschaftskrise in Estland zwar einige Probleme mit sich brachte und bringt, so konnte man auch davon profitieren, wenn man wollte: Baumaterialien waren plötzlich so billig, daß es sich anbot, einen alten Traum hervorzukramen und ihn Gestalt annehmen zu lassen: das ungenutzte Obergeschoß wurde kräftig isoliert und ausgebaut. Mit einfachsten Mitteln, mit vielen guten, geldsparenden Ideen und immer auch mit dem Problem, meinen liebevoll "Bauigel" genannten Helfern zu erklären, daß es sich um ein einheitliches, einfaches, romantisches Bauernhaus handelt, nicht um ein Schloß...

Eine der skurrilsten Aktionen dieses Ausbaus war ganz sicher das Finden der Treppe... meine Freunde Marina und Udo aus Deutschland waren im Frühling wieder zu Gast, halfen wie die Brunnenputzer und eines Abends ergab sich, daß Marina die alten, halbverfallenen Gebäude der ehemaligen Gutsanlage von Puka besuchen wollte. Es war ein herrlicher, milder, sonnenuntergangs-leuchtender Abend, ideal, um eine kleine Erkundungstour zu unternehmen. Während Marina die alten Ziegelwände ansah, um die Gebäude ging, ich ihr das eine oder andere an lokalen Legenden, Geschichten und auch so manches über die Anlage und Nutzung der Nebengebäude von baltischen Gütern erzählte, erforschte ich die Gebäude von innen, was von Marina ärgerlich-besorgt mit "du mußt Deinen Kopf aber auch in jedes dunkle Loch stecken!!!" - nun plötzlich standen wir aber in einem halbverfallenen Häuschen vor einer Treppe... Warum ich sofort wußte, daß es "die Treppe" ist, kann ich nicht erklären. Marina glaubte mir kein Wort.

Trotzdem rasten wir zur nahegelegenen Tankstelle, liehen uns ein Maßband, rasten zum Haus, um die letzten Sonnenstrahlen noch auszunutzen und maßen. Ich schrieb mir alles auf, sah mir die schmale, etwas steile und doch sehr massive Treppe an, die zum Teil von Ziegeln einer eingefallenen Wand verschüttet war. Wir fuhren nach Hause. Udo schimpfte. Mein Vater erklärte mich schlichtweg für verrückt, auch Gerald hegte Zweifel an der Idee, eine alte Treppe zu verwenden, die ohnehin nie passen könnte. Alte mathematische Formeln wurden herausgekramt, das Gästezimmer vermessen, im Obergeschoß war der Ausbau ja erst angefangen und gab noch wenig Hoffnungen, aber auch dort kletterten wir mit Maßband, Zettel und Stift herum. Schließlich war klar: wenn wir die Treppe kriegen könnten - die wäre es.

Stundenlange Behördengänge schlossen sich an, ein Betrunkener verkaufte die Treppe für ein paar Flaschen Bier - wir legten los, Notstromaggregat und Kettensäge. Es muß eindeutig am guten Willen der Treppe gelegen haben, daß wir das schwere, massive, riesige Ding überhaupt auf den Anhänger manövrieren konnten. Und im Losfahren wurden wir angehalten... wie sich herausstellte, waren wir vom Grundbuchamt falsch über den aktuellen Eigentümer der Ruine informiert worden und hier stand nun der "echte". Nach einer kurzen Diskussion waren wir uns handelseinig: er brauchte die Treppe nicht, er wollte nur verhindern, daß sie zu Brennholz verarbeitet würde und käme dann mal vorbei, um einen Preis auszuhandeln. Was sich dann allerdings tatsächlich Monate später ereignete: er kam, sah die inzwischen eingebaute Treppe (die wirklich paßte, als sei sie für MEIN Haus entworfen und geschreinert worden) und schenkte mir die Treppe - ganz feierlich wurde sie übergeben. Und ich bin glücklich, dieses sicher 300 Jahre alte, robuste und doch schöne Beispiel guter Schreinerarbeit gerettet zu haben...

Der Ausbau oben zog sich allerdings fast über das ganze Jahr hin - mal bestand Geldmangel, mal kamen die Helfer über Wochen nicht, dann wurden die Fenster nicht fertig, aber plötzlich mußten nur noch Regale gebaut werden, Möbel gefunden, Tapeten ausgesucht, Farbe gemischt... Eine Schneiderin setzte meine Ideen für erstaunlich wenig Geld um, nähte unzählige Kissen und Anfang November, pünktlich zum Interview-Termin mit einer der wichtigsten estnischen Zeitschriften "Maakodu" war alles fertig. Ein wirklich gelungener Artikel mit hervorragenden Bildern waren dann die Lorbeeren für meine Schufterei und Kreativität. Selten habe ich einen Artikel so ungeduldig erwartet! Und wirklich: alles ist richtig schön und gemütlich geworden - vor allem, seit der in Deutschland ersteigerte Kanonenofen bullert...

Mitten in diese Zeit fiel aber ein Erlebnis, das kaum zu beschreiben ist: eine alte Dame, die immer wieder Pferdedung von mir geschenkt bekommen hatte, bat mich, ihr zu helfen: ihre Freundin war vor 14 Jahren gestorben, hatte ihr das Häuschen hinterlassen und nun, da sie selbst alt sei, wollte sie die Möbel der Freundin in guten Händen wissen. Mir war nicht klar, warum gerade ich diese "guten Hände" haben sollte, aber die alte Dame erklärte weiter, daß schöne alte Möbel heute nicht mehr geschätzt würden und sie handgeklöppelte Vorhänge verschenkt hätte, die dann Beerenbüsche anstelle Fenster zierten und so hatte sie jahrelang überlegt und gesucht, wem sie die Möbel schenken könnte. Ich konnte es nicht glauben. Mein Vater war gerade in Estland, wir isolierten eigentlich gerade die Außenwände in einem Tempo, das uns ohnehin keiner glauben würde - und wir fuhren mit der alten Dame ins Häuschen.

Was uns erwartete, war praktisch ein Museum. Die Zeit war stehengeblieben, es gab nichts Modernes - und mir wurde klar, wie sehr ich mich an diesen "Fortschritt" in den alten Bauernhäusern schon gewöhnt hatte. Nur: diese traumhaften, wertvollen Möbel... die konnte ich mir nicht schenken lassen. Es gibt Grenzen... das ging zu weit. Niemals...

Ich machte ganz vorsichtige Versuche, mit der alten Dame darüber zu verhandeln und schließlich ließ sie sich darauf ein, daß mein Vater und ich das gesamte Haus ausräumen würden, unbrauchbare Dinge selbst entsorgen (was heutzutage leider in Estland ein Problem ist) und sogar das Brennholz mitnehmen - aber sie müßte dem zustimmen, daß ich keinesfalls die Möbel geschenkt nehmen würde. Wir einigten uns. Und wahrscheinlich habe ich jetzt das schönste Gästezimmer Estlands...

In das übrigens recht schnell ein Dauergast einzog. Eines Abends fand ich vor dem Haus auf dem Tisch einen schwarz-weißen Kater, der mich fröhlich begrüßte. Ich weiß, es klingt seltsam, aber so war es. Der Kater lag mit einer Selbstverständlichkeit auf dem Tisch, maunzte mir so altbekannt zu, daß es eher den Anschein hatte, ICH sei neu hier... Naja, gut, ich holte also eine Transportkiste und Futter. Hier war also wieder einmal ein Tier auf meinem Hof ausgesetzt worden, das irgendjemandem im Wege war.

Paulinchen, der etwas tapsige Hund, wollte allerdings sofort spielen und als ich endlich mit Transportkiste, Futter und Schlafdecke ankam, war der Kater bereits auf den übernächsten Baum geflüchtet - und was ich erst jetzt sah, schockierte mich dann doch! Ein Hinterbein war zum Teil abgeschnitten - es sah grauenhaft aus. Die Entzündungen waren nicht etwa frisch, sondern (wie die Tierärztin bestätigte) wahrscheinlich jahrelang unbehandelt geblieben... um Himmels Willen... aber der Kleine brauchte Hilfe! Mitten in der Nacht organisierte ich einen schnellstmöglichen Tierarzt-Termin bei meiner Freundin Riina und fing den Kater ein... ich brachte ihn in die Tierklinik und hörte mir Riinas vorsichtige Bemerkungen zu Einschläfern und besser so geduldig an. Als ich die Transportkiste öffnete, änderte sich Riinas Meinung schlagartig: sie schmolz in Sekundenschnelle - der kleine Kater begrüßte jeden der Anwesenden freundlich, kuschelte sich an die Tierärztin und schnurrte - und wir stimmten überein: dieser zähe Kerl hatte bisher alles überstanden, dem mußte geholfen werden.

Erst sagte der estnische Tierschutzbund finanzielle Hilfe zu, die dann aber nie eintraf - und trotzdem fanden sich gute Menschen, die diese wirklich sehr teure Amputation finanzierten: ich hatte in "Facebook" um Hilfe gebeten und Tierfreunde in der ganzen Welt nahmen Anteil an "Mikeschs" Genesung. Inzwischen geht es dem verschmusten Kater bestens, er hat im Speicher die ersten Mäuse gefangen, seine Behinderung macht ihm nichts aus - im Gegenteil: er scheint zu genießen, daß er gerade deshalb von allen besonders beachtet und geliebt wird!


Pläne, Ausblicke und wieder viel zu tun!
Es wurde viel erreicht in diesem Jahr, wobei natürlich immer noch jede Menge zu tun bleibt: einige der Böden in den Pferdeunterständen müssen im Frühling ausgetauscht werden, die Ausbildung der jungen Pferde soll natürlich mit Ingrids Hilfe weitergehen, sobald das Wetter es wieder zuläßt und Hanni, die gute, alte Hanni, ist tragend! Auch wird der Verein zum Erhalt der Alt-Tori-Pferde wieder viel Zeit in Anspruch nehmen: nach wie vor ist eines meiner wichtigsten Ziele, diesen wundervollen Pferden ein eigenes Zuchtbuch zu schaffen.

Vielen Dank an dieser Stelle an alle Helfer und Unterstützer von Hargo Talu:
- Udo und Marina für ihren tatkräftigen Besuch und die vielen Geschenke für die Tiere
- meinem Vater für die Isolation des Hauses und die Futterorganisation in Deutschland
- Julie Franke für die Patenschaft, die Hanno in seinen letzten Monaten begleitete
- Stefanie Witz, die Leviathan ein wundervolles Leben bietet und ihn wirklich liebt!
- Hans und Antje Brühl aus Schnittlingen für ihre Hilfe und die gute Laune
- Ingrid Pärg für ihre Liebe zu Hargo Talu und die tatkräftige Hilfe
- meinen Facebook-Freunden, die Mikeschs Lebensrettung ermöglichten und erleichterten
- meinen Verwandten, der Familie Friedl in Karlsfeld für die neuen Regale im oberen Zimmer
- der netten alten "Oma Vilja", die mir die wunderschönen Möbel anvertraute

... und natürlich Gerald Wolf, der das alles hier zusammenhält und auf den immer Verlaß ist - auch wenn ausnahmsweise einmal alles rund und gut läuft!

1 Kommentar:

Mooni hat gesagt…

I love how well you have taken together your year in this writing. It has not been easy, but still it gave many-many beautiful times. I have not seen yet your upstairs-room, but on the pictures it seems to be awesome!!! Neither have I met Mikesch.. Looking forward to see you all!!