Dienstag, 23. Dezember 2008

Besinnliche Weihnachtstage!!!

Allen Freunden von Hargo Talu wünschen wir besinnliche Weihnachtstage und alles, alles erdenklich Gute im Neuen Jahr...

Häid Jôule ja head vana-aasta lôppu soovivad kôik Hargo Talu elanikud oma sôpradele terves maailmas...

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Es hat viele Veränderungen gegeben, nicht alle sind positiv, daher auch die lange Pause... man kann manchmal nicht schreiben, man möchte es nicht und als wäre es erst wahr und erlebt, wenn man es aufgeschrieben hat, so drängt man es weg.

Abschied
... und doch ist einer, der all dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.
(Rilke)

Hund Hippo hat mich in diesem Herbst verlassen, ich habe sein Leben vom ersten bis zum letzten Atemzug begleiten können und möchte ihm noch einmal für die wundervollen, langen Jahre danken. Wie alle meine Hunde hatte er ein wundervolles Hundeleben, selbst wenn der Jagdtrieb zu stark wurde und er nach Stunden hechelnd, aber glücklich nach Hause kam, wurde er mit Leckereien und Schmusen verwöhnt... man muß einen Hund ja loben, wenn er nach Hause kommt.

Der größere Schock war aber Wurfels Tod. Der kleine schwarze Schäferhund sollte nie ganz erwachsen werden. Ein angeborener Nierenschaden beendete sein Leben schon nach einem Jahr, 10 Monate nur hatte er auf Hargo Talu genießen können: Ziegen jagen, Pferde anbellen, um Wasserlachen herumrennen. Er war glücklich, ganz sicher - von seiner Krankheit erfuhr ich erst wenige Tage vor seinem Tod und es ging alles viel schneller als wir alle befürchtet hatten. Wurfel, eigentlich Caesar (ein Name, in den er nie hineinwachsen durfte), hat mit seinem riesigen Herzen, mit seiner Ruhe und unbeirrbaren Gelassenheit eine große Lücke hinterlassen.

Und schließlich nahmen die Ziegen Eva und Lena Abschied. Eva war ja seinerzeit hier auf Hargo Talu zur Welt gekommen, ich hatte sie in der Küche mit dem Fläschchen großgezogen (naja, groß wurde sie nie). Sie war 10 Jahre alt, als der Tumor im Euter zu einer Qual wurde. Lena mit ihren riesigen Hörnern blieb wohl vielen im Gedächtnis und hatte ein herrliches Leben hier. Sie war es, die ausheckte, wann der Flieder- oder Rosenbusch vor dem Haus massakriert wurde. Lena war enorm anhänglich, clever wie praktisch alle Ziegen und sie schlief eines Abends friedlich ein. Im Alter von 12 Jahren...


Rückblicke auf ein erfülltes Jahr

Das Jahr auf Hargo Talu war erfüllt - mit traurigen, aber auch mit erfreulichen Erlebnissen. Langweilig wurde es nie, wenn der unsägliche Dauer-Regen auch langsam aufs Gemüt gehen konnte.

Die im Januar angeschaffte Haferquetsche war wohl eine der besten und richtigsten Investitionen für den Hof. Auch das noch immer funktionierende organisatorische Wunder, Derby-Futter aus Deutschland zu bringen, stellte sich als richtig und sinnvoll heraus: beide Hengstfohlen Heldor und Hektor sind sehr kräftig - und auch die Mütter machen sich bestens. Sahen die Pferde hier schon immer gut aus, war doch noch eine Besserung zu erkennen und ich freue mich über durch und durch gesunde Pferde. Sogar die Milchziege Sonja bekommt Derby-Futter, ihr Fell glänzt, sie gibt weiterhin beste Milch.

Aber es gibt auch schöne Ereignisse, die berichtet werden wollen. Hanno war noch den ganzen Sommer bis in den November frei auf dem Hof unterwegs und graste, zerpflückte Heurollen, bis es zu matschig wurde und seine riesigen Hufe zu tiefe Fußangeln hinterließen.

Leigar wurden zwei Backenzähne gezogen und nun nimmt er endlich wieder zu - es war die letzte Hoffnung, dem 24jährigen Hengst noch einen guten Lebensabend zu bescheren. In diesem Jahr hat Leigar allerdings noch einmal seine Althengstpflichten wahrgenommen. Nachdem er sich im letzten Jahr strikt weigerte, hatte ich mit einer ohnehin längst angebrachten Pensionierung gerechnet. Er lebt mit seiner Stute Helbe, seinen Nachkommen Leander und Luna zusammen, es gab keinen Grund diese Wohngemeinschaft zu stören... nun erwarten wir hier schon im März Nachwuchs von Helbe, auf den ich mich natürlich besonders freue.

Hanni sollte mit ihren 21 Jahren ebenfalls noch gedeckt werden und ich entschied mich für Hesperos - was hervorragend klappte. Auch bei Hanni ist es fraglich, ob noch mit Fohlen gerechnet werden kann, da sie aber die schönsten und beeindruckendsten Nachkommen gestellt hat (der gekörte Lancelot, die hervorragend bewertete Luisa), wollte ich es noch einmal versuchen. Außerdem ist Hanni wirklich die wunderbarste Pferdemama, die man sich vorstellt...

Und - es ist so wunderbar zu schreiben: die Pferde blieben alle gesund, munter und fröhlich, es gab weiter keinerlei Katastrophen oder Ereignisse, die tägliche Fürsorge war doch erfüllend und bereichernd. Trotz dem sehr schlechten Heujahr (im Norden Estlands konnte praktisch kein Heu gemacht werden) sind die Vorräte gesichert und die Pferde werden bestens über den Winter versorgt sein - eine Sorglosigkeit, die nicht jeder Stall in Estland teilen kann.

Arbeiten, Schuftereien und - geschafft!!!

Nicht nur das Brennholz wurde in diesem Jahr im eigenen Wald geschlagen, was mich noch immer mit Stolz erfüllt - und das Gefühl, die mit eigener Kraft erarbeiteten Holzscheite in den Ofen zu stecken, kann ich nicht beschreiben! Im Oktober kam mein Vater, um zu helfen gleich danach kamen Marina und Udo. Und nun an dieser Stelle an alle ein RIESENGROSSES DANKESCHÖN!!!

Mein Vater und ich hatten dieses Mal große Pläne und legten recht schnell los. Zuerst wurde ein neuer Unterstand gebaut, neben den "Waldbrüdern", um den vorübergehend eingestellten Jährling Sangar und meinen Hannibal zusammen unterzubringen. Da Sangar immer wieder Menschen angriff, wurde er von der Besitzerin abgeholt - so zog Hanno zu Hannibal ein und fühlt sich sichtlich wohl. Mit seiner ruhigen Art ist er für den manchmal hektischen Hannibal gar kein schlechtes Vorbild!

Dann wurden Türen in die Wände der großen Unterstände eingebaut, um das Füttern und Misten zu erleichtern - und diese Idee zahlte sich aus. War der Sommer schon mehr als nur verregnet, kamen im Herbst Wolkenbrüche, bei denen man unweigerlich an Fischerstiefel und Schlauchboote denken mußte. Misten wäre ohne diese Türen gar nicht mehr möglich gewesen. So aber waren die Unterstände bestens zugänglich und kraftsparend sauber zu halten. Auch das Hühnerhaus bekam eine neue Türe, die alte hing dann doch sehr schief in den Angeln und wurde immer schiefer...

Als Udo und Marina kamen, ging es im doppelten Tempo weiter - nun waren wir zu dritt und als zusätzliche Verstärkung kam später auch noch Kristin aus Nordostestland dazu. Am ersten Tag kauften wir die Ziege Milla mit ihrer Tochter Rosa aus dem Nachbardorf, deren Besitzerin zog ins Ausland. Die beiden weißen Ziegen lebten sich enorm schnell ein, zeigten aber auch einen fast besorgniserregenden Appetit. So ganz gut scheint es ihnen in ihrem alten Zuhause nicht gegangen zu sein! Milla gab jede Menge Milch - allerdings nur etwa 4-6 Wochen lang. Noch immer wächst der Bauchumfang ständig und schon bald werden wohl wieder kleine Zicklein den Hof bevölkern...

Udo, Marina und ich schafften es trotz einbrechender Dunkelheit in einem einzigen Tag, das letzte (aufgebende) Dachpappedach mit Blech zu decken und nun wird das Heu auch wieder trocken gelagert. Die winzigen Reste paßten genau auf das Pumpenhäuschen. Die letzte Unterstandstüre bei Hela hatte mein Vater zeitlich einfach nicht mehr schaffen können, zum Glück war Udo gerne bereit, das zu erledigen. Marina, Kristin und ich bauten so lange den Zaun für den neuen Unterstand und Kristin grub das Internetkabel ein (danke!!). Ein Strahler in Richtung Ziegen wurde installiert, der neue Verkaufsraum bekam seine Verlattung. Und der letzte Tag hätte dann frei sein sollen. Hätte... es goß so in Strömen, mit dem Ergebnis, daß die neuen Ziegen praktisch in einem See wohnten. Nur das Häuschen war noch im Trockenen. Also schafften wir Kies mit Schubkarren ins Ziegenpaddock, nur am Abend konnten wir dann noch einmal schön essen und einkaufen gehen... trotzdem waren wir uns einig: es war einfach eine herrliche Zeit!!!

An dieser Stelle noch einmal vielen, vielen Dank an meinen Vater, Udo und Marina!!!

Das Leben geht weiter

Kurz nach der Abreise meiner Gäste war ich allein - und auch Wurfel ging... Tierheimhund Schneck, normalerweise nur auf dem Hof tobend, durch Pfützen rasend und Ziegen jagend zu sehen, war wie ausgewechselt. Sie trauerte. Lag auf einem Kissen in der Ecke, in der immer Wurfel geschlafen hatte, sah mich aus ihren großen braunen Augen an. Kein Bellen, kein Laut. Ich setzte mich so oft zu ihr und wir lehnten uns aneinander. Immer wieder flossen Tränen. Trotzdem begriff ich, daß das Leben weitergehen mußte - und zwar schnell! Ich hatte ohnehin einen dritten Hund aufnehmen wollen, der Hippos Nachfolge antreten sollte, hatte schon ab und zu in Anzeigen nachgesehen und so wurde ich aktiv: ein "Hundefräulein, geimpft, 5 Monate alt" wurde in der einen Anzeige sehr klar und liebevoll beschrieben. Sollte es wirklich noch Hundehalter geben, die sich Gedanken machten, wohin sie den Nachwuchs entsorgten? Ein Telefonat überzeugte mich. Und die Hundehalterin stand mir bei: sie nahm kurzerhand Urlaub, packte den Hund ins Auto und kam. Nicht erst am Wochenende, wie vereinbart, sondern nach 3 Tagen. Ich bin heute noch froh und dankbar und wir stehen in engem Kontakt.

Der kleine Hund war scheu, ungezogen und da im Garten aufgewachsen, noch nicht damit vertraut, daß man weder auf Tische noch in Kühlschränke klettert, daß man kommt, wenn man gerufen wird und Gäste nicht anfällt. Aber erstaunlich schnell lebte sich das anfangs "Kleinviech", später "Pauline" genannte Hundefräulein ein. Inzwischen stehen die riesenhaften Ohren, die kleinen, immer blitzenden Knopfaugen scheinen ständig irgendwelche Pläne widerzuspiegeln und nun muß man schon zwei Mal hinsehen, wer wen jagt: Schneck und Pauline haben ähnliche Schäferhund-Färbung, wobei Schneck sehr schmal (und schnell) ist, Pauline etwas breiter und massiver zu werden scheint.

Und am Nikolaustag rief mich die Tierärztin an, die längst zu einer guten Freundin geworden ist... ein ausgesetzter Hund, Rüde, ein, zwei Jahre alt. Ein gaaaaanz lieber Kerl. Meine Alarmglocken schrillten, ich war von der harten Arbeit in der Kälte so fertig, daß ich mich grade hinlegen wollte, ohne noch zu essen. Aber soooo ein liiiiieber Kerl und es wäre so schade, wenn er im Tierheim... ich wüßte doch selbst, wie die Tierheime in Estland... und sie bringt es nicht übers Herz... ich weiß, daß die Tierärztin mir keinen ungezogenen Kläffer anhängen würde. Und daß sie, hätte sie nicht bereits 5 Hunde, wahrscheinlich diesen so lieben Hund sofort eingepackt hätte... trotzdem... so auf einmal?! Ich sagte zu.

Eine Stunde später trugen die Tierarzthelferinnen einen weißen Hund mit schweinchenrosa Nase in die Küche. Er legte sich auf den Boden und sah nicht einmal auf. Ich kniete mich zu ihm. Keine Reaktion. Ein wenig - das gebe ich zu - hatte ich Angst, wer weiß, wie ein so schockierter Hund reagiert, trotzdem begann ich sehr langsam und vorsichtig, ihn zu kraulen. Keine Reaktion, auch nach Minuten nicht. Er lag einfach nur da. Als ich die Hand wegzog wieder - keine Reaktion. Und doch... nach einigen Minuten fühlte ich, wie meine Hand von unten warm wurde und sah hin: er hatte seine Nase unter meine Hand geschoben, sich zu mir gewagt. Ich weinte fast... kraulte, streichelte und als ich aufhörte, um Tee für die Gäste zuzubereiten, schob sich fast ein wenig fordernd die rosa Nase unter meinen Arm... er hatte gewonnen. Ein wundervolles, verfrühtes Weihnachtsgeschenk... und da es Nikolaustag war, bekam er auch den passenden Namen: Nikolai. Zar Nikolai.

Inzwischen rast er mit Schneck und Pauline über den Hof, tobt und spielt, nach Wochen der extremen Anhänglichkeit, selbst zu den Pferden folgte er mir wie ein Schatten, beginnt er zu leben. Die Wunde am Vorderbein, die er mitgebracht hatte, heilt endlich, wahrscheinlich war er angefahren worden. Und das Erstaunliche: schon nach einem Tag hatte ich das Gefühl, er sei schon immer da gewesen... Nikolai hatte wohl irgendwie gefehlt...

Ich schließe hier meinen Bericht. Heute wird Lupine in ihr neues Zuhause umziehen, ich muß noch vieles einpacken, vorbereiten. Die neue Besitzerin hat in einem tragischen Unfall ihre Stute verloren und wie gut kann ich verstehen, daß die Trauer zu groß wird, wenn man sich nicht schnell eine neue Aufgabe sucht. Lupine mit ihren großen Kulleraugen, die anhängliche, verschmuste, liebe Goldfuchs-Stute mit dem mammutähnlichen Kuschel-Winterfell wird ganz bestimmt für Abwechslung sorgen - und sie wird trösten, da bin ich ganz sicher... wieder ein Abschied, dieses Mal aber kein trauriger: ich weiß, daß Lupine in allerbeste Hände kommen wird, ich weiß, daß die Entscheidung, selbst zu verzichten und hier zu helfen, die richtige ist.

Hargo Talu kommt zur Ruhe...

Und so eine richtige Entscheidung bringt dann doch auch eines mit sich: eine friedliche, glückliche Stimmung, genau richtig für Weihnachten und die ruhigen Tage, die nun endlich auf Hargo Talu einziehen werden. Noch hängt nur eine einzige Christbaumkugel als Weihnachts-Dekoration im Wohnzimmer, als wäre sie vom letzten Jahr vergessen. Aber ganz leise schneit es, ganz still ist es geworden und nun kann Weihnachten kommen, ich bin bereit. Auch innerlich.

Und ich möchte es für alle Freunde von Hargo Talu hoffen, daß es ihnen ebenso geht. Daß ganz langsam diese ruhige, besinnliche Stimmung bei ihnen Einzug halten wird. Daß die Gedanken alle unsere Freunde einschließen werden, auch die, an die nur noch Erinnerungen wachgehalten werden. Hier in Estland zündet man an Heiligabend eine Kerze auf dem Grab an, um der Toten zu gedenken. Auch hier auf Hargo Talu wird es so sein. Und dann feiert man. Und alle, alle feiern in Gedanken mit.

Ich wünsche allen Freunden von Hargo Talu ein gesegnetes Weihnachtsfest. Und ich danke allen für die kleinen und großen Freuden, die sie mir in diesem Jahr bereitet haben. Ich werde bei allen in Gedanken sein...

Ute Wohlrab